Begegnung
Er geht neben Karla den Marktplatz entlang. Karla ist hübsch. Blond, langhaarig, nicht zu groß, nicht zu klein. Karla achtet auf ihre Figur, ohne magersüchtig zu sein. Sie macht gern Sport im Fitnessstudio und ernährt sich gesund. Sie ist seit 2 Jahren seine Freundin. Eine Tochter aus gutem Hause sozusagen. Der Vater Universitäts-Dozent, die Mutter Studienrätin.

Er selbst studiert ziemlich erfolgreich BWL. Eines Tages traf er Karla in der Mensa. Ihre langen blonden Haare – die sie heute noch genau so trägt wie damals – hatten in der Sonne geglänzt. Sie hatten über das Vorlesungsverzeichnis gesprochen – Kunst war ihr Studienfach – und beim Kaffee beide die folgende Vorlesung geschwänzt.

Haben wir an alles gedacht? Wird Stefan heute abend auch da sein?“ fragt Karla. Heute ist Karlas Geburtstagsfeier. Er hofft, dass der Blumenbote die Rosen rechtzeitig liefert.

Sein Blick fällt auf eine Gruppe junger Menschen, der Kleidung nach punks oder etwas ähnliches. Ein Mädchen, nicht besonders groß, lehnt gedankenverloren den Kopf auf die Brust eines jungen Mannes, offenbar ihr Freund.

Für eine Sekunde blickt sie zu ihm, und er kann ihr Gesicht sehen. Schwarz gefärbte Haare, an den Seiten rasiert, viel Kajal – und die schönsten Augen, die er jemals gesehen hatte. Grün, und sie funkeln vor Glück und Lebensfreude. Nun beginnt es zu regnen. Das Mädchen streckt das Gesicht dem Himmel entgegen und lacht.

War er glücklich? Karla ist wie ein Sechser im Lotto – hübsch, klug, lieb. Niemals würde er sie hergeben wollen.

..Klaus die Anlage nun eigentlich mit?“ “Wie bitte?“ „Klaus? Anlage?“ wiederholt Karla schmunzeld. „Ach so, ja. Er will um sieben da sein und sie aufbauen.“ Ob Karla wohl im Regen spazieren gehen mag? Er nimmt sich vor, ihr das mal vorzuschlagen.

Was trödelst Du denn? Sag mal, wo bist Du mit Deinen Gedanken? Nun komm,“ Lachend hakt sie ihn unter und zieht ihn über den Platz nach Hause. „jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Hast Du die punks da gesehen? Zum Glück müssen wir uns nicht herumtreiben.“ „Da hast Du recht“. Er blickt noch einmal hinter sich. Das Mädchen wird gerade von ihrem Freund in die Luft gewirbelt.

Wie glücklich waren die Eltern, als er Karla vorgestellt hatte. Sicher schmiedete seine Mutter bereits heimlich Pläne für die Hochzeit.

Geh Du ruhig schon, ich hab noch was vergessen – ich komme gleich nach“, sagt er. „Du Karla – hast Du jemals daran gedacht, Deine Haare schwarz zu färben?“ „Nein - wie kommst Du denn darauf?“ „Ach – nur so..“

Träume
Herzlich lächelnd steht der Therapeut der Klinik da und streckt die Hand aus. Micha ergreift Sie. „Ich freue mich über die Fortschritte, die sie in dem halben Jahr gemacht haben. Es war sicher keine leichte Zeit für sie – um so mehr freue ich mich, dass sie es geschafft haben. Hier ist eine Liste der ambulanten Psychologen. Wenn sie nach Hause kommen, rufen sie dort bitte an und führen die Therapie zu Hause weiter. Herr Becker wird morgen bei ihnen vorbeikommen, den Termin haben sie ja abgesprochen. Falls es Probleme gibt, können sie mich jederzeit anrufen.“

Auf Wiedersehen – vielen Dank für alles.“

Micha verlässt das Gebäude und steht nun vor dem Haus. Morgen früh würde er nicht von der Schwester geweckt werden. Es war schön, ihr erzählen zu können, was man in der Nacht geträumt hatte. Es war schön, dass jemand wissen wollte, wie es ihm geht. Bettina und Frank würden sicher auch bald entlassen. Er würde sie morgen anrufen.

Vor einem halben Jahr hatten sie ihn gefunden. Auf der Bahnhofstoilette, mit einer Spritze im Arm. Wie in einem schlechten Film. 3 Jahre zuvor hatte er die erste Spritze gesetzt. Seine erste Freundin hatte ihn gerade verlassen, um seinen Schulabschluss hatte es mehr als schlecht gestanden. Da kam Julian gerade recht. Schon vor ein paar Wochen hatte er mitbekommen, dass Julian Heroin nahm. Der Abend war da, an dem Micha es auch ausprobieren wollte. Ein Gefühl von Glück breitete sich in ihm aus, von Wärme und Geborgenheit, und er fiel in einen Schlaf, in dem er wunderbar träumte. Es klang platt, wenn er versuchte, jemandem davon zu erzählen, zum Beispiel den Schwestern und dem Therapeuten in der Klinik, aber andere Worte fand er nicht. Bunte Farben hatte es in diesen Träumen gegeben, das faszinierendste Licht, das er jemals gesehen hatte. Irgendwann war es regelmäßg geworden. Nicht mehr mit Julian – er hatte keine Ahnung, was aus Julian geworden war. Vielleicht war er tot oder im Knast – oder er hatte es geschafft und lebt heute in einem Reihenhaus. Meist war er allein unterwegs gewesen. Ab und traf man auf einem öffentlichen Platz Bekannte, und man tauschte kurz das Wichtigste aus, z.B. welcher Dealer gerade den besten oder den dreckigsten Soff zu bieten hatte. Über die Toten wurde nie gesprochen – man musste nicht reden. Ein Blick in die gelben Gesichter genügte, um zu wissen, wer als nächster draufgehen würde.

Nachdem ihn die Polizei ins Krankenhaus gebracht hatte, kam er in eine psychiatrische Klinik und ging da auf Entzug. Trotz der Medikamente war die Zeit die Hölle. Während er vor sich hin gedämmert hatte, hatten grässliche Monster ihn im Schlaf immer wieder überfallen. Speichel war ihm aus dem Mundwinkel geflossen. Sein Magen hatte sich angefühlt, als ramme ihm jemand eine zentnerschwere Eisenkugel hinein. Sein Kopf hatte zu zerspringen gedroht. Der Durchfall und das Kotzen, das auch die Medikamente nicht abstellen konnten. Er schämte sich bitterlich vor den Schwestern, die ohne Kommentar sein Bettzeug immer wieder wechselten.

Seine Mutter hatte gehört, dass er in die Klinik gekommen war. Ein Jahr hatte sie ihn da nicht mehr gesehen gehabt. Mit Hilfe des Thearapeuten hatten sie Gespräche begonnen, und sie kam ihn regelmäßig besuchen. Der Vater war inzwischen Tod – hatte sich die Leber kaputt gesoffen. Außer Geschrei hatte er nie Worte für Micha gehabt, und die einzigen Berührungen hatte er mit dem Gürtel ausgeführt. In der Therapie hatte er gelernt, dass sein Vater an ihm nur kompensiert hatte, was er selbst durchlitten hatte, und die Mutter war zu schwach und abhängig gewesen, sich zu lösen.

Die Sonne scheint, und er atmet tief ein, während er zu der Wohnung läuft, die er mit Hilfe der Sozialarbeiterin ausgesucht hat.

Im Briefkasten Post von der Telefongesellschaft, dass man seinen Anschluss freigeschaltet hat.

Er nimmt das Adressbuch raus und schaut nach den alten Freunden. Max. Ob die Nummer noch stimmt? Einfach mal anrufen.

Nach ein paar mal klingeln meldet sich eine Frauenstimme. „Hallo, hier Micha. Kann ich bitte Max mal sprechen?“ „Der ist leider gerade nicht da. Soll ich ihm etwas bestellen?“ Einen schönen Gruß von mir. Ich weiß nicht, ob er sich an mich erinnern kann. Er kann sich melden, wenn er möchte.“ „Ok, ich werde es ihm sagen.“ Danke. Einen schönen Tag noch“. Micha legt den Hörer auf.

Dann mal Mutter anrufen. Sie meldet sich sofort. „Hallo Junge, wie geht es Dir?“ „Gut Mutter, Danke. Was machst Du?“ „Ich koche gerade Mittag. Vorhin habe ich einen Kuchen gebacken, Claudia kommt doch nachher zum Stricken vorbei. Willst Du nicht morgen zum Essen vorbeikommen? Ich bin ja so froh, dass Du wieder zu Hause bist. Jetzt wird alles wieder gut, ja?“ „Aber sicher Mutter. Ja, gern. Dann bis morgen also. Mach's gut“ „Tschüss, Junge“

Was nun? Das Wetter ist so schön, am besten noch ein bisschen spazieren gehen, vielleicht am See.

Also Sachen auspacken und los.

Schließlich fand er sich am Bahnhof wieder. Der zahnlose Pepe, wie ihn alle immer nannten, stand an der gleichen Stelle wie immer. Nun war die Entscheidung klar. Dieses mal aber würde er aufpassen, dass die Menge auch ausreichte. Und auf die Toilette würde er auch nicht nochmal sehen. Am See ist ein kleines Waldstück, dorthin will er gehen. Vorher aber nochmal zurück in die Wohnung, und einen Zettel hinterlassen: „Macht's gut.. ich bin zurück zu meinen Träumen“

Ein Gespräch
Fröhlich pfeifend betritt die 23jährige Martina an diesem Morgen das Zimmer von Frau Bergmann, die seit kurzem Bewohnerin auf ihrer Station ist. „Guten Morgen, gut geschlafen?“ fragt sie wie immer. „Ja, Danke, Kindchen“, erwidert die 75jährige, ebenfalls wie immer. „Schauen Sie mal, was für ein schönes Wetter“, erzählt Martina, während sie das Fenster öffnet, „genau zur richtigen Zeit. Heute ist mein letzter Arbeitstag, ab morgen habe ich Urlaub. Und wenn ich wiederkomme, bin ich verlobt.“ „Das freut mich aber für Sie, Kindchen“, entgegnet Frau Bergmann und lächelt versonnen, „Ach ja, wenn ich mich da noch an meine Verlobung erinnere. 1952 war das. Alles ganz hochoffiziell, mein Verlobter musste bei uns zum Kaffeetrinken antreten. Ein schicker Mann, dunkel, kräftige Schultern..“
Martina hat inzwischen auf dem Stuhl im Zimmer Platz genommen. „Und dann?“ fragt sie die alte Dame. Wenn Frau Bergmann so lächelt, findet Martina, sieht sie fast jugendlich aus. Sie war bestimmt sehr schön. Sie hat ein hübsches Gesicht und lange Beine. „Dann war ich die glücklichste Frau der Welt- bis er mich 2 Jahre später für die Sekretärin in seiner Firma verlassen hat.“ „Na, so ein Ar.., oh, Entschuldigung.“ „Macht nichts. Die nächsten Monate dachte ich, ich müsste sterben und die Welt geht unter. Aber, wie Sie sehen, nichts davon ist passiert.“ Und grinsend fügt sie hinzu: „Glauben Sie mir, es gab danach noch einige interessante Männer. Einen von ihnen habe ich dann 1955 geheiratet.“ „Hatten Sie eine große Hochzeit?“ „Na ja, ich war Kindergärtnerin und habe ja nicht viel verdient, und mein Mann hat damals noch studiert. Aber ich war glücklich, und unsere Ehe hat gehalten, bis er vor 5 Jahren gestorben ist.“
„Ich muss weiter, Frau Bergmann, Danke für die Geschichte. Sie kommen dann gleich zum Frühstück, ja?“
Kurz vor Feierabend geht Martina noch einmal zu Frau Bergmann und erzählt ihr schmunzelnd: „Herr Krause, der gestern zu uns gekommen ist, lässt fragen, ob Sie sich nachher zum Abendbrot zu ihm setzen.“ „Mach ich gern, Kindchen, sagen Sie ihm das. Einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen.“
„Die Beiden haben sich super verstanden und den ganzen Abend geredet und gelacht“, erzählt die Pflegerin am nächsten Morgen beim Frühstück ihrem Freund, „und heute sind sie wieder zum Abendbrot verabredet.“ „Du, sag mal“, fragt sie nach einer kurzen Pause, während sie ihn von der Seite anschaut. „Hm?“ „Was glaubst Du- wenn ich 75 bin, sind wir dann immer noch zusammen?“ „Aber ganz ohne Zweifel“ antwortet er grinsend und beißt genüsslich in sein Frühstücksbrötchen. „Gibst Du mir bitte mal den Kaffee rüber?“