Humor ist, wenn man trotzdem lacht

.. deshalb sollte an dieser Stelle eigentlich ein humoriger, (mit lieben Grüßen an Thomas) niedlicher Text kommen, so wie damals der über das Poststellenmonster oder das Kapitel über meine Schlafwache.

Seitdem sind gerade mal 1 1/2 Jahre vergangen, und doch überrennt es mich manchmal fast, wieviel in dieser Zeit passiert ist.

Das System sollte dringend mal überdacht werden. Wir arbeiten mit Menschen, mit zum Teil schwer kranken Menschen, und tragen doch vom ersten Tag des Examens an die volle Verantwortung. Wie oft ist es mir am Anfang passiert, dass eine Kollegin ankam und sagte, ich solle mir diesen oder jenen Patienten doch bitte mal anschauen kommen. Mein erster spontaner Gedanke war "geh mal die Exe fragen", bis mir dann dämmerte - Mist, das bin ja ich..

Humorig geht es bei uns leider im Augenblick wenig zu. Es tut mir leid, aber dies wird ein sehr langer und ziemlich trauriger Text.

Auf allem scheint ein seltsamer Druck zu lasten. Dei Kollegen fangen an, sich gegenseitig zu überwachen, es werden Zettel geschrieben mit den Fehlern, die der Kollege der vorhergehenden Schicht wieder einmal gemacht hat. Ich lache immer viel und gerne, aber seit einigen Wochen ist das Lachen in unseren Räumen irgendwie abhanden gekommen.

Vielleicht hängt es auch mit ihr zusammen, denn nun ist sie gestorben. Ich habe von ihr berichtet - sie war bereits vor 13 Jahren an Krebs erkrankt und hat unglaublich gekämpft.

Am Abend vorher war ich bei ihr. Ich spritzte ihr Morphium, und wir betteten sie so etwa jede Stunde um, da sie weder lange sitzen noch liegen konnte. Mein Kollege und ich setzten uns noch zu ihr und rauchten gemeinsam eine Zigarette. Sie war zu schwach, die Zigarette selbst anzuzünden, daher halfen wir ihr. Auch ihren Kaffee trank sie zum ersten mal aus einer Schnabeltasse, da der Becher ihr zu schwer geworden war. Sehr ruhig war es an diesem Abend in dem Zimmer. Das letzte, was sie zu uns sagte, war: "Ich würde mich so gern mit Euch unterhalten, aber dann bekomme ich gar keine Luft mehr." So habe ich vieles, das ich gern noch gesagt hätte, nicht mehr gesagt. Mein Dienst war zu Ende, am nächsten Tag hatte ich Nachtschicht. Als ich zum Dienstbeginn ankam, wurde ich mit den Worten "Mach mal dem Bestatter die Tür auf" begrüßt. Innerhalb der Sekunden, die es dauerte, zur Tür zu gehen, registrierte mein Gehirm mehrere Dinge auf einen Schlag:

Moni ist tot. Sie wird jetzt dort in ihrem Zimmer liegen. Ich muss mich um den Bestatter kümmern gehen. Ich muss jetzt gleich in dieses Zimmer und die erste Leiche meines Lebens sehen.

Weiter kam ich nicht, denn dann war ich auch schon angekommen, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Ich begleitete die übrigens sehr netten, pietätvoll und professionell arbeitetenden Herren ins Zimmer und versuchte auf dem Weg dorthin mit unlustigen Witzchen meine Panik zu unterdrücken. Entgegen meiner Überzeugung, dass mir meine Beine versagen oder ich aus irgend einem anderen Grund nicht in der Lage sein würde, in dieses Zimmer zu kommen, standen wir schließlich vor ihrem Bett. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte - aber wer schon mal einen Toten gesehen hat, weiß, dass es das friedlichste uns stillste Erlebnis ist, das man haben kann. Das Wort "Totenstille" kommt nicht von irgendwo her. Wie in Trance betrachtete ich alles ganz genau, unfähig, mich selbst zu rühren, bis wir vor dem Fahrstuhl standen und ich dem Sarg hinterher sah, der langsam im Inneren des Fahrstuhls verschwand.

Noch eine Zigarette mit meiner Kollegin, während der sie mir kurz vom Verlauf des Tages erzählte - und dann war ich allein. Verdammte 8 Stunden lang. Ich wusste, im Verlauf dieser Nacht muss ich noch in dieses Zimmer und das Bett abziehen. Ich nahm all meinen Mut zusammen uns wollte das hinter mich bringen. Als ich dann aber das Zimmer betrat und den Lichtschalter betätigte, flackerte die Lampe, statt ordnungsgemäß anzugehen. So schnell ich konnte machte ich auf dem Absatz kehrt und rief eine Kollegin von der anderen Station an, damit sie mir helfen kommt. Natürlich wurde ich ausgelacht und durfte mir "Ach, nach dem 50. Mal hast Du Dich dran gewöhnt" anhören. Sehr witzig.

Irgendwie ging diese Nacht vorüber, ebenso wie die folgenden. Seitdem allerdings verfolgt mich, die ich ausgesprochener Nachtmensch bin und immer liebend gern Nachtschicht gemacht habe, jede Nacht ein Ziehen in der Magengrube, und ich freue mich jedes Mal über das anbrechende Tageslicht. Ich sehe sie noch oft da stehen, wie sie unseren Geschirrspüler ausräumt. Häufig denke ich: Moni, Du hattest recht, als Du sagtest, Dein Rollstuhl würde sicher erst geliefert werden, wenn Du nicht mehr da bist.

Gefragt hat mich niemand, wie es mir in dieser Nacht ging. Die Angst vor dem Tod und wie wir mit ihm umgehen, gehört zu den Dingen, über die wir in der Regel nicht sprechen. Wenn man es aber aus den Kollegen herauskitzelt, hört man von ganz ähnlichen Erlebnissen wie meinen. Bei Tageslicht tut man einfach so, als gäbe es sie nicht.

Übrigens lag am nächsten Tag natürlich der übliche Zettel da, auf dem ich meine Sünden lesen durfte. "Lagerungspläne bei Frau X und Herrn Y vergessen, Geburtsdatum in der Akte von Herrn W fehlt."

Mea culpa.

 

1.9.09 13:23

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