Yin und Yang

Was meinen Beruf so einzigartig macht, ist, dass traurige und schöne Momente sich ständig abwechseln.

Eigentlich weiß man nie, was einen im nächsten Moment erwarten wird.

Der Juni endete zunächst sehr traurig.

Ich war ausgeborgt worden und tat meinen Dienst auf dem stationären Bereich. Ich hatte dort sehr liebe Kollegen, trotzdem war dies Tatsache allein schon gegeignet, meine Freude in Grenzen zu halten.

In den letzten Tagen des Juni lag nun eine Bewohnerin im Sterben. Ich kannte sie ja nicht lange, trotzdem hatte ich sie in den letzten Wochen wirklich in mein Herz geschlossen.

Meist war es für uns Pflegekräfte eine bedrückende Situation, zu ihr zu gehen - wir wussten, dass jede unserer Handgriffe für sie mit großen Schmerzen verbunden war.

Der Wunsch, den wir fast alle in uns tragen - eines Abends ohne Schmerzen die Augen zu schließen und nicht mehr aufzuwachen, wenn es soweit ist-, erfüllt sich leider sehr selten. So schlief sie leider auch nicht sanft ein, sondern hatte einen langwierigen und mit Sicherheit anstrengenden Weg zu bewältigen.

Langsam hörte sie zunächst auf zu essen, bereits am nächsten Tag nahm sie keine Flüssigkeit und keine Medikamente mehr zu sich. Das Atmen fiel ihr merklich schwerer. Alles, was wir tun konnten, war, bei ihr zu sein und ihre Hand zu halten. Immerhin hatte sie keine Schmerzen mehr.

Noch immer hing sie am Leben, entspannte sich für kurze Momente, um dann noch einmal zu uns zurück zu kommen. Während ich bei ihr saß, fragte ich mich, was es wohl sein mochte, das sie noch hier hielt. Warum ist ein Mensch ganz allein auf dieser Welt? War es vielleicht der Gedanke, der sie noch quälte - diese Welt zu verlassen, ohne dass ein geliebter Mensch an einen denkt?

Nun ist sie schließlich doch gegangen - ich hoffe sehr, dass sie ihren Frieden noch schließen konnte.

 Nur wenig später - ich bin mittlerweile wieder zurück in meiner kleinen Pflegefamilie - traten mir beinahe wieder die Tränen in die Augen - diesmal vor Rührung.

Eine unserer Bewohnerinnen im Wachkoma erhielt Besuch von ihrer Tochter. Als diese sich verabschiedete, küsste sie ihre Mutter auf die Wange. Unsere Bewohnerin erwiderte den Kuss und weinte..

So ist es eben dort, wo man mit Menschen arbeitet - ein Wechselbad der Gefühle. Manches lässt mich zwiefeln, während Momente wie diese mir die Hoffnung zurückbringen. Lachen und Weinen wechseln sich ab; ein Mensch geht, während ein anderer dabei ist, vielleicht den Weg zurück ins Leben zu finden..

3.7.09 13:00

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